Komponieren als Prozess

 

Foto links: Alexander K. Müller. Alle anderen Fotos: Jane Dunker.

 

Ausgangsimpuls

Fast nie steht am Beginn meiner Arbeit eine Klangvorstellung. Im Gegenteil: Die Töne kommen häufig erst ganz am Schluss (und dann leider viel zu oft unter erheblichem Zeitdruck).
In meinen „konzertpädagogischen Jahren“ stand am Beginn einer Arbeit meist ein Auftrag von außen. In den letzten Jahren suche und definiere ich die Anlässe, Zielsetzungen und Funktionen meiner Musik in der Regel selber.

 

Interaktion und Sachzwänge

In beiden Fällen entsteht Musik nicht in einsamer Schreibtischtätigkeit, sondern in vielfachem Dialog: Mit der besondern Aura und Geschichte eines Raumes. Mit dem einzigartigen Ausdruckspotential, den besonderen Fähigkeiten und Begabungen meiner Mitwirkenden. Aber auch: Mit ihren Widerständen, ihren Grenzen und inneren Blockaden. Mit bürokratischen, liturgischen, pädagogischen oder anderen „fachfremden“ Sachzwängen. Und manchmal mit organisatorischen Rahmenbedingungen jenseits aller professionellen Standards.
Ich kann nicht verhehlen, dass solche äußeren Grenzen die Arbeit nicht immer leicht machen. Dort aber, wo es gelingt, die eigene Neugierde wach zu halten und Widerstände nicht nur als Einengung zu verstehen, sondern auch als stimulierende Herausforderung, wird der kompositorische Prozess zu einem echten Abenteuer.

 

Aufführung

EIne öffentliche Aufführung oder Präsentation kann, muss aber nicht Teil dieses Prozesses sein. Ob sie krönender Abschluss oder gruppendynamisch gebotene Zwischenstation ist, ob sie die Autonomie des Konzertsaals für sich beansprucht oder sich den dramaturgischen Spielregeln einer Feier, einer Andacht, einer öffentlichen Kundgebung oder eines privaten Hausmusiknachmittages unterordnet - dies alles entscheidet der übergeordnete Kontext.

Veranstaltungsrahmen, Rezeptionsform und Grad der Öffentlichkeit werden so gewissermaßen zu eigenständigen "kompositorischen Parametern", die von Fall zu Fall bewusst zu gestalten sind.

 

Komponieren heißt: "Zusammensetzen"

Aus alledem ergibt sich ein variables Verständnis des Komponistenberufs, das sich mit jeder Arbeit und jedem Projekt neu erfinden muss: Komponieren mit veränderlichen Gewichtsanteilen. Je nach Thema und Zielgruppe steht mal ein musikalisches Produkt, mal ein gemeinsamer Prozess im Vordergrund; mal eine Suche und mal ein Ergebniss, mal die „Kunst“ und mal der Zweck, der die Mittel heiligt.

„Komponieren“ heißt auf deutsch „Zusammensetzen“. Komponieren als dialogischer Prozess, das kann bedeuten: Sich zusammen zu setzen. Genau hinzuhören. Ein wenig Eigenes hinzuerfinden. Und das Vorgefundene mit dem Hinzuerfundenen am Ende so zusammen zu setzen, dass etwas Neues, Stimmiges, Schönes entsteht. Wenn dieses Neue dann sogar noch einen Nutzen hat, wenn es eine Lücke schließt – umso besser!